Sperrzone "Italien"

Tag 56 - 4. Mai 2020

Die heutige Riapertura - ein bedeutender Schritt aus dem Lockdown und trotzdem nur ein kleiner Schritt auf dem Weg zur Normalität!

Tag 49 – 27. April 2020

Gestern Abend, endlich, war es soweit. Im Tg1 – der Tagesschau auf dem Fernsehkanal RAI1 – wurde die lang erwartete Medienkonferenz des italienischen Premierministers zur «Riapertura» des Landes live übertragen. Giuseppe Conte, eloquent wie immer, legte detailliert dar, welche Aktivitäten ab wann wieder möglich sind. Für das Land die wohl beste Neuigkeit ist, dass die industrielle und gewerbliche Produktion rasch hochgefahren wird. Exportorientierte Tätigkeiten konnten bereits heute wieder aufgenommen werden. Die übrige Produktion, Bautätigkeiten und Engroshandel dürfen ab dem 4. Mai voll loslegen. Ab diesem Datum sind auch wieder Begräbnisse mit einer beschränkten Anzahlt Trauernden (nicht aber Gottesdienste) erlaubt, sowie individuelle Sportaktivitäten und «Take away»-Verkäufe von Restaurants und Bars. Während seinen Erläuterungen immer wieder den Mahnfinger erhebend, schärft Conte den Zuschauerinnen und Zuschauern auch zu diesem Punkt ein: «Ma attenzione, attenzione, sage ich, «Take away»-Verkäufe bedeuten nicht, dass ihr euch einfach statt drinnen in der Bar, draussen versammelt und dort zusammensteht und feiert. Die geltenden Abstandsregeln sind nach wie vor einzuhalten». Dies wird für viele schwierig werden, insbesondere weil eine Rückkehr zur Normalität im Bereich der Restaurants und Bars erst für den 1. Juni vorgesehen ist. Auch erst zu diesem Zeitpunkt wird es wieder möglich sein, einen Coiffeur oder ein Kosmetiksalon zu besuchen. Etwas früher, ab dem 18. Mai sollen hingegen der Detailhandel, Museen etc. aufgehen und Mannschaftssportarten wieder erlaubt sein. Reisen über die Regionsgrenzen hinweg bleiben vorerst nur eingeschränkt möglich – aus beruflichen Gründen oder zum Besuch von Familienmitgliedern. Was schliesslich die Pflicht zum Maskentragen betrifft – ein Obligatorium kennt derzeit zum Beispiel unsere Region, die Toskana – scheint sich abzuzeichnen, dass das Maskentragen nur noch dann und dort verlangt wird, wo die Abstandsregeln nicht eingehalten werden können. Wir erhalten unsere Masken zur Zeit gratis. Dort, wo die Masken gekauft werden müssen, darf der Preis, so die Ankündigung von Conte, in Zukunft nicht mehr als 50 centesimi pro Stück betragen.

Langsam, langsam, so scheint es mindestens für den Moment, kehren wir wieder zu ein bisschen Normalität zurück. Bis das Land wieder so blüht wie der Mohn dies derzeit so herrlich tut, wird aber noch einige Zeit vergehen.

Tag 42 - 20. April 2020

Das Mailänder Altersheim «Pio Albergo Trivulzio» ist zum Symbol der Aufarbeitung der Corona-Krise in Italien geworden. Früh hatten sich die Angestellten des Heims und die Angehörigen von Heimbewohnerinnen und Heimbewohnern über Missstände in der Institution beschwert. Fehlende Schutzkleidung für die Pflegerinnen und Pfleger, Unterlassen von Vorkehren zur Abschirmung der noch nicht-infizierten Betreuten von den bereits Infizierten, mangelnde Information der Angehörigen auch als sich die Särge in der Kapelle des Heims bereits zu stapeln begannen, waren die Hauptvorwürfe. In den letzten Tagen wurde ruchbar, dass die Regionalregierung der Lombardei, den Altersheimen in ihrer Region mit finanziellen Anreizen schmackhaft machte, zusätzlich Betagte mit Corona-Symptomen aufzunehmen. Als herauskam, dass insbesondere das «Pio Albergo Trivulzio» viele solche zusätzlichen Patientinnen und Patienten aufgenommen hatte, war genug und der Zeitpunkt einer Intervention der italienischen Finanzpolizei, der «Guardia di Finanza» gekommen. Sie führte im «Pio Albergo Trivulzio» eine sechzehnstündige und danach auch in den Büros der lombardischen Regionalregierung eine längere Hausdurchsuchung durch.

 

Die Resultate und Schlüsse der Untersuchung liegen selbstverständlich noch nicht vor. Dennoch erscheint immer deutlicher, dass Fehler der regionalen Regierung mit dazu beigetragen haben, dass die Lombardei ein so massiver Hotspot der Corona-Verseuchung wurde. Dies ist politisch brisant, weil die Region Lombardei seit Jahren von der rechten Opposition, zuerst von Berlusconi’s Forza Italia und jetzt durch Salvini’s Lega, regiert wird.

 

Aber auch die nationale Regierung in Rom unter Ministerpräsident Conte scheint in letzter Zeit ins Schlingern geraten zu sein. Innerhalb der Regierungskoalition sind Gräben aufgebrochen, ob die vom ESM zur Verfügung gestellten Gelder beansprucht werden sollten, oder ob man nicht doch in der EU auf Eurobonds pochen müsse (vgl. Blogeintrag unten, vom 10.4.2020). Namhafte Vertreter der «Fünf-Sterne-Bewegung», eine der Regierungsparteien, wollen es auf einen Kraftakt mit der EU ankommen lassen. Ministerpräsident Conte ist am Lavieren. Die Regierung schlägt sich zudem mit einer Vielzahl von Expertengremien herum, die geschaffen oder beigezogen wurden, um sie zur Rückkehr in die Normalität zu beraten. Diese haben bisher aber vor allem dazu geführt, dass die Regierung das Momentum verloren und irgendwie das Heft aus der Hand gegeben hat. Ein klarer Plan, wie der Weg zurück zur Normalität aussehen soll – wie ihn andere Länder bereits vorgelegt haben – liegt jedenfalls bis heute nicht vor. Conte's in der ersten Phase der Krise, so gute und klare Kommunikation wird vermisst.

 

 

Tag 32 - 10. April 2020

Die Wogen gingen hoch in den letzten Tagen und Ministerpräsident Conte lehnte sich weit zum Fenster hinaus: «No MES, sì Eurobond», war seine apodiktische Losung. Mit Nachdruck vertrat er nicht nur in den italienischen Medien, sondern auch in Auftritten am deutschen und holländischen Fernsehen sowie in einem Interview mit der «Bild-Zeitung» seine Überzeugung, dass mit der Corona-Krise endgültig der Zeitpunkt zur Schaffung von Eurobonds, das heisst von Anleihen, für die sich die EU-Staaten gemeinsam verbürgten, gekommen sei. Selbst, nachdem die im Springer Verlag erscheinende «Welt» polemisierte, «man solle ja keine Eurobonds schaffen, die italienische Mafia warte nur auf die Geldgeschenke», blieb Conte sachlich. Seine Argumentation, dass erstens die existierenden Hilfsmechanismen nicht für eine Krise von Corona-Ausmass geschaffen worden seien und dass zweitens in der Union alle mit im gleichen Boot sässen und daher auch die reicheren Mitgliedstaaten ein Interesse haben müssten, zu verhindern, dass wichtige Volkswirtschaften wie Italien, Spanien oder Frankreich in eine tiefe Rezession fielen und die anderen mit sich nach unten ziehen, hat einiges für sich. Dennoch, sein dezidiertes Auftreten war primär innenpolitisch motiviert. Er wollte der italienischen Öffentlichkeit manifestieren, dass er alles unternahm, um eine Unterstellung des pel paese unter den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) zu verhindern. Daher sein apodiktisches «No MES». Klar, das Land braucht riesige Summen, um die Hilfsprogramme zu finanzieren, die die Regierung versprochen hat (und die die Bevölkerung dringend braucht), aber – und da sind sich die italienischen Parteien jeglicher Couleur einig – dieses Geld darf nicht via ESM kommen. Der ESM ist hierzulande, wegen seinen makroökonomischen Auflagen im Falle von Hilfeleistungen (Beispiel Griechenland), so verpönt, dass schon blosse Überlegungen zu dessen Inanspruchnahme den politischen Suizid einer Regierung bedeuten.

Gestern Abend einigten sich die EU-Finanzminister (endlich) auf ein gemeinsames Corona-Hilfspaket der EU. Nicht überraschend wurde für die Schaffung von Eurobonds kein grünes Licht gegeben. Zu gross die Opposition von Deutschland, Finnland, Holland und Österreich, die sich gegen vergemeinschaftete Schulden wehrten. Immerhin erhielten die ärmeren EU-Länder das Zugeständnis, dass ein gewisser Anteil von EMS-Geldern (bis zu 2% des BIP eines Landes, das sind für Italien maximal 35 Milliarden Euro), auflagenfrei bezogen werden dürfen. Auf die rasche Auszahlung dieses Geldes und auf die zusätzlich beschlossenen Gelder, die über die Europäische Investitionsbank und den Kurzarbeits-Fonds SURE fliessen werden, ist Italien angewiesen. Die Regierung Conte wird sich daher gedacht haben, lieber den Spatz in der Hand als irgendwann, am Sankt Nimmerleinstag, Eurobonds auf dem Dach und akzeptierte den Einigungsvorschlag. Wohl zu Recht.

Der innenpolitische Aufschrei liess allerdings nicht lange auf sich warten. Mit seiner – so wie es schien – kompromisslosen Forderung nach Eurobonds hatte Conte eben auch Erwartungen geweckt, die er nun auf absehbare Zeit nicht wird erfüllen können. Entsprechend enttäuscht sind und stets EU-skeptischer werden weite Teile der Bevölkerung. Die Opposition versucht daraus Profit zu schlagen. Matteo Salvini von der Lega und Giorgia Meloni von den postfaschistischen «Fratelli d’Italia» haben bereits angekündigt, im Parlament einen Misstrauensantrag gegen die Regierung Conte zu stellen. Conte habe das Land verraten, weil er sich dem «Diktat der reichen EU-Länder» unterworfen und auf die Forderung nach Eurobonds verzichtet habe. Nun, angeklagt ist schnell. Die «Sovranistas» der Lega und der Fratelli d’Italia werden der Bevölkerung dereinst aber auch ihren eigenen Widerspruch zu erklären haben. Sie, die die EU grundsätzlich ablehnen und Italien lieber heute als morgen aus der Union herausführen würden, klagen die Regierung an, weil sie es nicht geschafft hat, von der Staatengemeinschaft, die sie selber ablehnen, mehr und günstigere Mittel zu erhalten ….

Wie in der Lombardei besteht nun auch in der Toskana Maskenpflicht. Kaum setzen wir einen Fuss aus dem Hause, müssen wir den Schutz überziehen. Erfreulich festzustellen, wie schnell die Verteilung der Masken geklappt hat. Bereits zwei Tage nach Einführung der Maskenpflicht erhielt jeder Haushalt seine Masken, begleitet durch ein ermahnend-aufmunterndes Begleitschreiben des Gemeindepräsidenten. 

Tag 23 - 1. April 2020

Der Palazzo Chigi, der Amtssitz des italienischen Ministerpräsidenten in Rom, war auch heute Abend mit den Farben der italienischen Tricolore beleuchtet. Seit Beginn der Corona-Krise eine der Massnahmen, die die Notwendigkeit des Zusammenhalts und der Solidarität im Land ausdrücken sollen. An die Adresse der Italienerinnen und Italiener, die bereits seit über drei Wochen unter Hausarrest leben müssen, heute Abend wohl ebenso ein Appell, in ihrem Durchhaltewillen nicht nachzulassen. Denn der italienische Ministerpräsident Giuseppe Conte hat soeben die Verlängerung des Notstandes um praktisch weitere zwei Wochen, bis zum 13. April, bekanntgegeben. Ob dann «Phase 3», die schrittweise Rückkehr zum Normalzustand, eingeleitet werden kann, liess er wohlweislich offen.

 

Aus dem Süden des Landes – insbesondere aus der Campagna, aus Kalabrien und Sizilien – kommen weitere beunruhigende Nachrichten. Es wird dort befürchtet und es scheint auch erste Anzeichen dafür zu geben, dass das organisierte Verbrechen (Camorra, Ndrangheta und Mafia), neues Terrain gewinnt und gestärkt aus der Krise hervorgehen wird, wenn nicht rasch das Öffentliche Gemeinwesen dafür sorgt, dass die wirtschaftlichen Härten bei der ärmeren Bevölkerung abgefedert werden können. Hält man sich vor Augen, dass das organisierte Verbrechen nicht nur als ein regionales oder nationales Problem zu verstehen ist, sondern dessen negative Auswirkungen und Folgekosten letztlich ganz Europa (und wohl darüber hinaus) drangsalieren, ist besonders auch unter diesem Aspekt unverständlich, warum sich die EU derart ziert, mit einem gemeinsamen Ansatz Italien finanziell zu unterstützen. Es ist jetzt nicht die Zeit auf Reform- und Sparauflagen herumzureiten. Es geht um viel mehr. Wie bereits kürzlich Staatspräsident Mattarella, hat dies heute auch Ministerpräsident Conte nochmals zu Recht klar gemacht, u.a. in Interviews, die im deutschen und holländischen Fernsehen übertragen wurden.

Tag 19 - 28. März 2020

Angelo Borelli, der Chef des italienischen Zivilschutzes (Protezione Civile), ist neben Premierminister Conte die wohl präsenteste Persönlichkeit Italiens in der gegenwärtigen Krise. Jeden Abend um 18.00 Uhr überträgt das staatliche Fernsehen RAI die Medienkonferenz, an der Borelli die neusten Zahlen von Infizierten, Verstorbenen und Geheilten bekannt gibt. Heute hat der Zivilschutzchef erfreulicherweise berichten können, dass die Zahl der Neuansteckungen etwas zurückgegangen ist auf 3'651 Fälle in den letzten 24 Stunden. Hingegen ist tragischerweise nach wie vor eine äusserst hohe Zahl von Todesfällen zu verzeichnen. Seit gestern sind wiederum 889 Personen verstorben. Die Gesamtzahl von Opfern übersteigt damit die 10'000 – 10'023 Fälle heute Abend. 

Auch auf einer anderen Ebene hat die Krise eine neue Dimension erreicht. Die Regierung musste heute einen Kredit von 400 Millionen Euro sprechen für Essensbons für Alleinstehende und Familien, die über kein Geld mehr verfügen und unter Hunger leiden. Wohin uns diese Krise wohl noch führen wird … 

Tag 13 - 22. März 2020

Noch in der Nacht - schneller als gestern Abend erwartet – hat Ministerpräsident Conte die für die Lombardei gestern in Kraft gesetzten, strikten Massnahmen auf das ganze Land ausgeweitet. Damit kommt das Land nun praktisch zu einem totalen Stillstand. Es sind nur noch ganz wenige geschäftliche Aktivitäten erlaubt. Nahrungsmittelläden und Apotheken bleiben weiterhin offen, der Transport der lebenswichtigen Güter soll weiter funktionieren und die Bank- und Postdienstleistungen sollen sichergestellt bleiben. Ob auch der Sport im Freien landesweit untersagt wird, scheint noch offen. Ministerpräsident Conte kommuniziert gut, Hut ab. Zumindest bis anhin hat die Krise ihn und seine Regierung gestärkt. Zu lange werden die nun geltenden, einschneidenden Massnahmen für das Land und die Bevölkerung allerdings kaum tragbar sein. Daher «cross our fingers», dass die positiven Entwicklungen nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen.

Tag 12 - 21. März 2020

«Andra tutto bene» - alles wird gut – Zeichnung mit dem Regenbogen als Symbol der Hoffnung sieht man derzeit an vielen Fenstern in unserer Umgebung. Schulkinder, die wegen den geschlossenen Schulen zu Hause bleiben müssen, übertreffen sich gegenseitig in ihrer Kreativität. Sie malen und hängen dann die Zeichnungen so auf, dass sie von der Strasse aus (auf der allerdings kaum mehr jemand wahrzunehmen ist) und von anderen Häusern aus gesehen werden können. Solche Mutmacher braucht es derzeit auch. Heute sind allein in der Lombardei 550 Personen verstorben und im gesamten Italien annähernd 800 (793). Die Lombardei hat nun jegliche geschäftlichen Aktivitäten verboten (ausser diejenigen, die für den Lebensalltag von wesentlicher Bedeutung sind) und jeglichen Sport im Freien untersagt. Es wird wohl nicht lange dauern, bis dieses strikte Regime auf ganz Italien ausgedehnt wird (die Opposition unter Führung der Lega verlangt dies schon seit einigen Tagen). Wir erleben nun den 11. Tag des Notstandes. Wann werden wohl die Infizierten- und Opferzahlen endlich wieder sinken?

Tag 10 - 19. März 2020

Heute hat Italien weitere 427 Corona-Todesfälle zu verzeichnen. Es sind zwar etwas weniger als gestern als 475 Personen verstarben. Und dennoch: Mit den heutigen Todesfällen ist Italien zu dem Land geworden, in dem der Virus weltweit die meisten Todesopfer gefordert hat. Insgesamt sind es 3405 verstorbene Personen. Im Vergleich dazu hat China «lediglich» 3245 Opfer in seiner Statistik. Entsprechend den hohen Opferzahlen ist auch die Mortalitätsrate in Italien gestiegen. Auf besorgniserregende 8,3%. Ein weiterer schwarzer Tag für Italien.

Tag 7- 16. März 2020

Heute hat der Corona-Virus in Italien weitere 349 Todesopfer gefordert. Insgesamt sind der Pandemie hier damit bereits 2158 Personen zum Opfer gefallen. Diese Zahlen sind dramatisch. Geht die Todesrate pro Tag im gleichen Umfang weiter, wird Italien in wenigen Tagen mehr Todesopfer zu verzeichnen haben, als China. In der Toskana sind wir – zum Glück – bisher vergleichsweise wenig betroffen (vgl. Grafik unten). Von den italienweit rund 23'000 Infizierten leben «nur» 866 in der Toskana. Todesfälle gibt es in der Toskana bis anhin noch nicht. Dennoch – und darüber sind wir froh – werden die verfügten Auflagen ausnahmslos eingehalten. Lucolena, wo wir wohnen, verfügt über praktisch kein öffentliches Leben mehr. Und wenn man sich trifft, erfolgt dies unter strikter Abstandhaltung. Die Unterhaltung der drei jungen Männer auf dem Platz in Lucolena, mit einem Abstand von mehreren Metern zwischen sich, zeigt dies exemplarisch. Die Regierung hat heute ein neues Dekret erlassen, das «Decreto Cura Italia», ein Dekret zur Pflege Italiens. Mit den gesprochenen 24 Milliarden Euro soll in erster Linie das vor allem in der Region Mailand / Bergamo hoffnungslos überforderte Gesundheitssystem unterstützt werden. Aus dem Geld sollen auch Einkommens- und Verdienstausfälle kompensiert werden. Mit dita incrociate, das heisst mit allen gedrückten Daumen, hoffen wir, dass die «Pflege» etwas nützen wird.

Tag 3 - 12. März 2020

Gestern Abend, 11. März 2020, hat Ministerpräsident Conte eine weitere Verschärfung der Bestimmungen zum Schutz gegen die Ausbreitung des Corona-Virus bekannt gegeben. Diese sind heute Morgen in Kraft getreten. Zusätzlich zu den bisherigen Massnahmen sind nun die Bars (rund um die Uhr) und Restaurants (auch unser "Circolo") geschlossen. Detailhandelsgeschäfte dürfen grundsätzlich nicht mehr öffnen . Nur wer Nahrungsmittel und Gesundheitsartikel verkauft, ist ausgenommen. Auch Tabacchi und Buchhandlungen gelten als lebensnotwendig. Sie können ihre Produkte weiterhin verkaufen. Unternehmen und Fabriken dürfen hingegen nur weiterarbeiten, wenn sie zur Aufrechterhaltung der Versorgung der Bevölkerung mit lebensnotwendigen Gütern beitragen, resp. strenge sanitarische Auflagen einhalten. Die Italienerinnen und Italiener nehmen die Anordnungen ernst. Zwischenmenschliche Unterhaltungen werden nur noch mit Abstand geführt. Das sonst übliche Umarmen, sich auf die Schulter klopfen, bei der Hand nehmen etc. sieht man nicht mehr. Die Handwerker, die bei uns gegenwärtig - und unter Wahrung des verordneten social distancing - ein Badezimmer umbauen, klagen, dass sie nicht mehr lange weiterarbeiten können, da die nötigen Baumaterialien nicht mehr geliefert werden. … 

Tag 1 - 10. März 2020

Gestern Abend, 9. März 2020, 21.00 Uhr, Unterbruch des Programms des staatlichen Fernsehsenders Rai 1. Zugeschaltet wird Ministerpräsident Conte, der ganz Italien zu einer «zona protetta», d.h. zu einer Schutz- resp. Sperrzone erklärt. Ziel ist, die weitere Ausbreitung des Corona-Virus so gut wie möglich zu verhindern. In einem Not-Dekret mit dem Titel «Io sto a casa» (ich bleibe zu Hause) wird festgehalten, was Italienerinnen und Italiener noch tun dürfen und was nicht. Etliche Anordnungen werden einschneidend sein. So sind nicht nur Versammlungen, sondern auch gewöhnliche Gruppenbildungen auf Plätzen und Strassen verboten. Die gesamte Fussballmeisterschaft wird eingestellt (internationale Spiele unter Ausschluss des Publikums bleiben vorerst gestattet). Kein Sport mehr in Turnhallen. Auch Hallenbäder und Fitnesszentren müssen schliessen. Ein Kaffee nach dem Essen in der Bar – nicht mehr möglich. Bars müssen ab 18.00 Uhr ihre Türen zumachen. Ebenso fertig ist es mit einem Kino-, Theater- oder Discothekenbesuch. Zwangsferien für Schülerinnen/Schüler und Studentinnen/Studenten. Alle Schulen und Universitäten in ganz Italien haben ihren Lehrbetrieb eingestellt. Wer die Fahrprüfung machen möchte, wird auf später vertröstet. Selbst die Kirche wird nicht verschont: Jegliche Zeremonien, inkl. Begräbnisse, sind untersagt. Im Grundsatz gilt: «ich bleibe zu Hause». Nicht betroffen sind lediglich berufliche Aktivitäten. Auch Nahrungsmittelgeschäfte und Apotheken bleiben unbeschränkt offen. Andere Geschäfte müssen sicherstellen, dass in ihre Lokal ein Abstand von einem Meter zwischen den Personen eingehalten wird.

 

Wir fragen uns, wird das wirklich so «heiss gegessen», wie es angekündigt wurde? Tatsächlich fühlt es sich heute auf den Strassen in unserer Region so an, wie wenn es Sonntagmorgen wäre. Bedeutend weniger Verkehr als an einem normalen Dienstag. Der Markt in Figline Valdarno wird abgehalten. Zwischen den Ständen, wo normalerweise ein dichtes Gedränge herrscht, ist heute kaum jemand zu sehen. In weiser Voraussicht sind einige Markfahrer schon gar nicht gekommen. Im Supermarkt herrscht zwar keine Panikkstimmung, aber die Leute kaufen anders ein als sonst. Vor allem Vorräte an Grundnahrungsmitteln wie Pasta, Reis und Kartoffeln. Nicht erstaunlich ist das Zuckergestell schnell einmal leergekauft. Auch im Regal, wo sonst Plastikhandschuhe zu finden sind, herrscht eine gähnende Leere. Aber Waren gibt es – bis jetzt – immer noch genügend. Zum Glück auch immer noch herrliche Früchte aus dem Süden des Landes.